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18.08.201320:30

Vom Wandeln in Orangenhainen oder: Gestatten, Donna Anna.

Cheryl Studer als Donna Anna in Franco Zefirellis ›Don Giovanni‹-Produktion an der Metropolitain Opera New York.

Von Jürgen Gräßer

Hugo Wolf, Zeit- und in Wien zeitweiliger Zimmergenosse von Gustav Mahler, schwärmte im Wiener Salonblatt, für das er von 1884 bis 1887 (oft beißende) Musikkritiken schrieb, von Donna Anna: „Schließt die Augen, und diese warmen, sinnlichen Töne zaubern euch das Bild der üppigen Schönheit der Donna Anna vor die Phantasie. Man glaubt, in Orangenhainen sich zu ergehen, ihre berauschenden Düfte zu trinken und von märchenhaft schönen Frauenbildern zu träumen; eine Gottheit spricht aus diesen Tönen.“

Die Tochter des Komturs, Donna Anna also, steht, wie Joachim Kaiser schreibt, unter seelischem Überdruck. Spätestens, seit sie in den Bannkreis Don Giovannis geraten ist. Kaiser charakterisiert sie als „höchst ausdrucksvoll und labil“, Clemens Prokop nennt sie eine „exaltierte junge Dame aus gutem Haus“, aber auch, nach dem Duelltod ihres Vaters, eine „Furie“, die Blut sehen wolle. Donna Annas geplante Hochzeit mit ihrem Verlobten, Don Ottavio, wird erst einmal vertagt. Sie verlangt ein Trauerjahr, bittet sich ein Jahr zur Beruhigung aus und verweist auf gesellschaftliche Konventionen. Was werden nur die Leute von uns sagen? „Ma il mondo, oh Dio!“, stellt Donna Anna in ihrem Rezitativ kurz vor dem Beginn des Finales fest. Gleichwohl besteht an ihrer Liebe zu Don Ottavio keinerlei Zweifel: „Sei gerechter gegen dieses treue Herz, das sich auf immer deiner Liebe dahin gibt.“ Donna Anna ist, im Rondo-Allegretto („Forse, forse un giorno il cielo“), voller Zuversicht: „Lass, o lass uns hoffen, dass dem Sturme folge klarer Sonnenschein, ja Sonnenschein!“

Dass sich die beiden eins sind, und einig, offenbart bereits die musikalische Charakterisierung, die Kongruenz, die Deckungsgleichheit der Haltungen, der Phrasen und Bewegungen. Reiner, heißt es bei Joachim Kaiser über das G-Dur-Larghetto-Duettieren der beiden sich Liebenden, könne die „Harmonie zweier Seelen nicht ausgedrückt werden“. Mozart geht sogar soweit, dass er im „Al desio“ Donna Anna die Phrase ihres Verlobten aufnehmen lässt („Du nur lebst in meinem Herzen, meine Treue wird bestehn“). Die beiden sind fürwahr ein Herz und eine Seele. Im Einssein mit Ottavio findet Anna endlich Trost, wird, so deutet es Mozarts Musik zum happy ending an, über den Tod ihres Vaters und Don Giovannis unselige Berührung-Verführung-Vergewaltigung hinwegkommen.

Die Figur der Donna Anna werden sich bei der SOB13 Julia Makarevich und Valda Wilson teilen. 226 Jahre zuvor, bei der Uraufführung des Don Giovanni 1787 in Prag, war es Teresa Saporiti, die die Donna Anna sang. Nur wenig ist über die Saporiti bekannt, doch weiß man, dass sie 1763 in Mailand geboren wurde und dort, nota bene, 1869 verstarb. Sie hat mithin, um wenige Jahre jünger nur als Mozart, Robert Schumann um mehr als eine Dekade überlebt. Die angeblich sehr attraktive Donna Teresa lud in ihren späteren Jahren zu musikalischen Soiréen ein. Zu den Gästen in ihrem Mailänder Zuhause zählte unter anderem Giuseppe Verdi, der bei einer dieser Gelegenheiten 1841 Szenen aus Nabucco vorstellte.

Abschließend seien noch einige berühmte Darstellerinnen der Donna Anna angeführt. Da ist beispielsweise Cheryl Studer, die den Don Giovanni im September 1990 mit den Wiener Philharmonikern unter Riccardo Muti für die EMI eingespielt hat. Studer – heute hat sie eine Professur für Gesang an der Würzburger Musikhochschule inne, und einer ihrer Schüler, nämlich der Bass Seo Kwangmin, wird heuer, neben Giuseppe Di Paola, den SOB13-Leporello geben – wurde 1955 in Michigan geboren und ging in den späten siebziger Jahren nach Europa. Nach kleinen Partien an der Bayerischen Staatsoper, in Darmstadt und in Berlin sprang sie 1985 in Bayreuth als Elisabeth im Tannhäuser ein (es dirigierte der leider früh verstorbene Giuseppe Sinopoli; der Venezianer erlitt, als er an der Deutschen Oper im April 2001 die Aida machte, einen Infarkt) und sorgte sofort für Furore.

Doch statt sich als jugendlich-dramatischer Sopran auf Wagner zu konzentrieren, studierte Studer Belcanto-Rollen ein, wie eben die Donna Anna, wie die Gräfin aus dem Figaro und die Mathilde aus Rossinis Wilhelm Tell. Jens Malte Fischer, neben Jürgen Kesting wohl der beste Kritiker hierzulande, wenn es um die Gesangeskunst geht, lobt Studers technische Virtuosität und verblüffende Wandlungsfähigkeit sowie die „quicklebendige, bewegliche künstlerische Natur“. Auch freut sich Fischer darüber, dass es in Studer endlich einmal eine Sängerin gibt, die ständig im Aufbruch ist, die auch Risiken einzugehen willens ist. Denn „solche, die ihr sicheres Ufer nicht verlassen mögen, haben wir genug“, meint Fischer.

Auch Anna Netrebko, die es auf die Playboy-Liste der „sexiest babes of classical music“ gebracht hat, hat an der Wiener Staatsoper als Donna Anna große Erfolge gefeiert, eine Rolle, in der ihr bei den Salzburger Festspielen 2002 unter Nikolaus Harnoncourt der internationale Durchbruch gelang. Zuletzt machte Diana Damrau als Donna Anna auf sich aufmerksam. Ihre im vergangenen Jahr bei der Deutschen Grammophon Gesellschaft erschienene Aufnahme bildet den Auftakt zu einem neuen Zyklus der sieben großen Opern Mozarts, die die DGG vorlegen will. Am Pult des Mahler Chamber Orchestra steht der junge Kanadier Yannick Nézet-Séguin. Dazu – zu der DGG-Einspielung – ein anderes Mal mehr.

Nachbemerkungen:

1) Anlässlich einer Aufführung des Don Juan anno 1871 schrieb Peter Iljitsch Tschaikowski: „Wie ergreifend sind die Szenen, in denen Donna Anna erscheint. Ihr herzzerreißendes Weinen und ihr Gram an der Leiche des gemordeten Vaters, ihr Entsetzen und ihr Rachedurst in der Szene, wo sie mit dem Urheber ihres Unglücks zusammentrifft, das alles ist von Mozart mit so ergreifender Wahrheit wiedergegeben, dass solche Szenen hinsichtlich der Tiefe des hervorgebrachten Eindrucks nur den besten Szenen der Shakespeareschen Tragödien zur Seite gestellt werden können.“

2) Goethe, der Mozart Genie zugestand, äußerte sich 1831 Eckermann gegenüber: „Wie kann man sagen, Mozart habe seinen Don Juan komponiert? Komposition! Als ob es ein Stück Kuchen oder Biscuit wäre, das man aus Eiern, Mehl und Zucker zusammenrührt! Eine geistige Schöpfung ist es, das Einzelne wie das Ganze, wobei der Produzierende keineswegs versuchte und stückelte und nach Willkür verfuhr, sondern wobei der dämonische Geist seines Genies ihn in der Gewalt hatte, so dass er ausführen musste, was jener gebot!“

3) Zur weiteren Lektüre hier noch der Hinweis auf Joachim Kaiser (Who‘s who in Mozarts Meisteropern. München: Piper, 1997) und auf Jens Malte Fischer (Große Stimmen. Von Enrico Caruso bis Jessey Norman. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1995).