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26.07.201314:44

Der Mann, der so schön reimen kann

Rolf Dieter Brinkmann (Public Domain)

Von Jürgen Gräßer

Es mag ungewöhnlich scheinen, hier Mozart als Dichter, als Lyriker vorstellen zu wollen. Eines aber ist gewiss: Der Komponist war auch ein Meister der Sprache. Das machen viele seiner rund 350 erhaltenen Briefe bereits bei der ersten Lektüre deutlich. Mozart war ein Spieler, er liebte das Kegeln und das Billardspiel, und er spielte eben auch und sehr gern mit der Sprache, mit mehreren Sprachen und in vielen Zungen. Er sprühte vor Humor und Witz, was seinem gekonnten Spiel mit Worten zugute kam.

Tatsächlich hat Mozart auch Gedichte verfasst, nun ja, Gelegenheitsgedichte. Aber er hat es damit immerhin in eine Anthologie gebracht, die Maßstäbe setzt, nämlich in Reclams großes Buch der deutschen Gedichte. Ausgewählt und herausgegeben sowie mit funkelnden Kurzbiographien der Autoren versehen hat sie Heinrich Detering, der Göttinger Germanist, Lyriker und Thomas-Mann-Mann. Detering hat zudem zu Bob Dylan publiziert, Detering spielt Klavier und er singt nicht nur auf Unifesten. Es mag diese Affinität zur Musik sein, die ihn dazu bewogen hat, Mozart gleich mit zwei Exempeln seiner Wort-Spiel-Kunst in die 2007 bei Reclam in Stuttgart herausgekommene Sammlung aufzunehmen.

Andererseits ist gewiss, und hier folgt ein kleiner Exkurs, dass Musik und Sprache, dass logos und melos immer schon eng verbunden waren, was gerade in der Lyrik, die sich ja von der griechischen Lyra ableitet, augen- oder besser ohrenfällig wird. Gedichte sind schließlich dazu da, gelesen zu werden, und zwar: laut. Dass sie gerade dann klingen, dass sie gerade dann lebendig werden, wenn sie eben nicht in stiller Lektüre rezipiert sondern „aus-ge-sprochen“ werden, führt bei ihren Auftritten beispielsweise Nora Gomringer aufs Schönste vor, die Bamberger Lyrikerin und Künstlerhausdirektorin (die Villa Concordia zählt zu den Kooperationspartnern der SOB).

Zu bedenken ist weiters, dass es gerade unter Schriftstellern eine Vielzahl von Doppel- und Mehrfachbegabungen gibt. Bamberger Beispiele gefällig? Ganz klar, Ernst Theodor AMADEUS Hoffmann, der komponierte, der zeichnete und malte, der schrieb. Oder Hans Wollschläger, der nicht nur ein großartiger Essayist gewesen ist, auch einen Roman verfasst hat, welcher ohne Musik – zumal die Gustav Mahlers – nicht zu denken ist, der Orgel gespielt und der komponiert hat.

Nun haben, mag man einwenden, weder Hoffmann noch Wollschläger Gedichte geschrieben, jedenfalls so gut wie keine. Dann führen wir eben den oben bereits genannten Bob Dylan ins Feld, der schon seit Jahren als aussichtsreicher Kandidat für den Literaturnobelpreis gilt. Was sind denn Lieder anderes als in Musik gesetzte Gedichte? Und der Text eines Liedes ist, zumindest im Englischen, nicht bloß ein bloßer schnöder öder Text, sondern es handelt sich dabei um „lyrics“. Leonard Cohen, um ein weiteres Beispiel zu nennen, ist eben nicht nur ein phänomenaler Sänger, sondern er schreibt auch Gedichte (nicht alles hat er vertont), die in die von Richard Ellmann und Robert O‘Clair edierte Norton Anthology of Modern Poetry Eingang gefunden haben, einem absoluten Standardwerk.

Richard Ellmann war ein Joyce-Mann, und James Joyce wiederum war nicht nur Autor des Ulysses von 1922 (in dem die Opern-Post gewaltig abgeht, immer einmal wieder, etwa in dem der Form einer Fuge nachempfundenen Sirenen-Kapitel). Nein, Joyce war auch ein begabter, wettbewerbserprobter Tenor. Sein schriftstellerisches Debüt feierte der Ire 1907 mit dem Gedichtband Chamber Music, später vertont von Luciano Berio, von Samuel Barber, von Sonic Youth und anderen. Auch Thomas Bernhard betrat mit einem Gedichtband die literarische Welt (Auf der Erde und in der Hölle, 1957), und auch Thomas Bernhard verstand sich auf das Singen. Er wollte ursprünglich Bassist werden. Bernhard als Leporello, als Don Giovannis Diener, an der Wiener Staatsoper unter Herbert von Karajan, 1960? Vielleicht doch besser, dass damals Walter Berry den Leporello gesungen hat.

Ende der Geschichte, Ende des Exkurses. Und zurück zu Mozart, dem Dichter:

Hier ruht ein lieber Narr

Hier ruht ein lieber Narr,
Ein Vogel Star.
Noch in den besten Jahren
Musst er erfahren
Des Todes bittern Schmerz.
Mir blut’ das Herz,
Wenn ich daran gedenke.
O Leser schenke
Auch du ein Tränchen ihm.
Er war nicht schlimm;
Nur war er etwas munter
Ein lieber loser Schalk,
Und drum kein Dalk.
Ich wett er ist schon oben,
Um mich zu loben
Für diesen Freundschaftsdienst
Ohne Gewinst.
Denn wie er unvermutet
Sich hat verblutet,
Dacht er nicht an den Mann,
Der so schön reimen kann.

Die Verse vom „lieben Narr“ sind am 4. Juni 1787 (also im Don-Giovanni-Jahr) entstanden, nur wenige Tage nach dem Tod von Mozarts Vater Leopold. Vater und Sohn hatten sich ein wenig entfremdet, und so ist es nicht etwa Leopold, dem Wolfgang einen poetischen Nachruf hinterherschickt, sondern ein Star, der ihm über drei Jahre hinweg Gesellschaft leistete. Den gefiederten Hausgenossen hatte Mozart Ende Mai 1784 für einen Preis von 34 Kreuzern erstanden. Der brave Vogel soll das Finalthema aus dem G-Dur-Klavierkonzert KV 453, an welchem sein Herr damals arbeitete, bald nachgezwitschert haben.

Als geschwisterlichen Ratschlag „aus meinem poetischen Hirnkasten“ schickte Mozart seiner Schwester Nannerl in einem Brief das folgende Gedicht, ein, wie Heinrich Detering es nennt, „Musterstück witzig-graziöser Gelegenheitspoesie des Rokoko“:

Du wirst im Ehstand viel erfahren

Du wirst im Ehstand viel erfahren
was dir ein halbes Rätsel war;
bald wirst du aus Erfahrung wissen,
wie Eva einst hat handeln müssen
dass sie hernach den kain gebar.
doch schwester, diese Ehstands Pflichten
wirst du vom Herzen gern verrichten,
denn glaube mir, sie sind nicht schwer;
doch Jede Sache hat zwo Seiten;
der Ehstand bringt zwar viele freuden,
allein auch kummer bringet er.
drum wenn den Mann dir finstre Minen,
die du nicht glaubest zu verdienen,
in seiner üblen laune macht:
So denke, das ist Männergrille,
und sag: Herr, es gescheh dein wille
beitag – – und meiner bei der Nacht.

dein aufrichtiger bruder
W: A: Mozart

Die Gedichte, die Mozart, der, so will es Glenn Gould, zu lange gelebt hat (1756 bis 1791), nachgeschickt worden sind, sind Legion. Und die Köchelverzeichnisnummer 515 ist so populär, wie es in Heinz Pionteks „M., Compositeur“ heißt, dass die Spatzen sie „von den Dächern pfeifen“. KV 515 ist sogar derart bekannt, dass es sich erübrigt, den Kompositionstitel anzuführen. Die Sperlinge, die auf Konzerthallendächern sitzen oder in Serenadengartenbäumen herumtanzen, intonieren in Pionteks Mozart-Gedicht auch den Eröffnungssatz der g-moll-Symphonie, außerdem das Adagio aus KV 622 – man kennt es aus „Jenseits von Afrika“ mit der bezaubernden Meryl Streep (und Jack Brymer, Klarinette) – sodann die gar nicht so einfach zu bewältigende Sonata facile KV 545 und das nahezu immer zu flott interpretierte Rondo Alla Turca aus der A-Dur-Klaviersonate KV 331.

Mozart bedichtet haben zudem Johannes Bobrowski, Wallace Stevens („Mozart, 1935“), Franz Grillparzer, Albrecht Goes („Musik aus dem Äther“; Goes‘ Gedicht gilt dem bereits erwähnten C-Dur-Quintett KV 515), Hermann Broch („Mozart-Vierhändigspielen“; strenggenommen eine Nachdichtung), Peter Hacks („Mozart auf der Reise nach Paris“), der Pianist-Poet Alfred Brendel und der jung, zu jung verstorbene Rolf Dieter Brinkmann, der sich, nun sind wir endlich wieder bei der SOB angelangt, auch auf den Don Giovanni bezieht:

Musik aus Salzburg

Wer
mag schon Mozart
wirklich, ohne dabei
an Mozartkugeln
zu denken, wie
sie in den
Läden ausliegen? Bloch
weiß Treffliches
dazu zu sagen.
Maggi gibt
den Suppen
Würze, der
Don Giovanni
wird nimmer alt, auch
wenn er in den Opernhäusern
bunt den Tod
in Flammen
stirbt. Und
hinterher
die Mozartkugeln
auf der Zunge zergehen
lassen wie Takte, Akkorde
einige Läufe auf
dem Klavier. Eben
Mozart, Wolfgang
Amadeus.

Rolf Dieter Brinkmann ist gerade einmal fünfunddreißig Jahre alt geworden, ganz wie Mozart. Als er am 23. April – Shakespeares Todestag – 1975 in London die Straße überquerte, um im Shakespeare Pub einen auf diesen zu heben, wurde der Pop-Literat von einem Wagen überfahren. Finis. Und R.I.P.