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Sommer Oper Bamberg 2017 abgesagt

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18.07.201301:15

Melodien, die ein Engel erdacht zu haben scheint

Gräflich Nostitzsches Nationaltheater Prag (um 1830), heute Ständetheater (Stavovské divadlo)

Gräflich Nostitzsches Nationaltheater Prag (um 1830), heute Ständetheater (Stavovské divadlo)

Von Jürgen Gräßer

„Montags den 29ten“, heißt es Ende Oktober 1787 in der Prager Postamtszeitung, „wurde von der italienischen Operngesellschaft die mit Sehnsucht erwartete Oper des Meisters Mozard Don Giovani oder das steinerne Gastmahl gegeben. Kenner und Tonkünstler sagen, daß zu Prag ihres Gleichen noch nicht aufgeführt worden.“ Die Uraufführung des Don Giovanni im Gräflich Nostitzschen Nationaltheater zu Prag war ein Erfolg, ein Erfolg, der bis heute nicht abgerissen ist, sieht man einmal davon ab, dass – noch zu Lebzeiten Mozarts – sich ausgerechnet die Wiener nicht so recht an diesen doch genialischen Wurf gewöhnen wollten.

Die Postamtszeitung in Prag, einer Stadt, in der Mozart sich wohl fühlte, in der er gefeiert wurde, in die überzusiedeln er erwog, meldet weiter: „Hr. Mozard dirigierte selbst, u. als er ins Orchester trat, wurde ihm dreymaliger Jubel gegeben, welches auch bey seinem Austritte aus demselben geschah.“ Die „außerordentliche Menge Zuschauer“ habe für den „allgemeinen Beyfall“ gebürgt, der einer Oper galt, die „übrigens äußerst schwer zu exequiren“ gewesen sei, mit dem Ergebnis, dass jeder „die gute Vorstellung nach so kurzer Studierzeit“ bewundert habe.

Auch bei der Sommer Oper Bamberg ist die Zeit des Einstudierens nicht allzu üppig bemessen, zumal es für den künstlerischen Leiter Till Fabian Weser gilt, innerhalb weniger Wochen ein noch junges Ensemble und ein noch frisches Orchester in eins zu bringen, die in dieser Besetzung nie zuvor noch zusammen musiziert haben. Und doch darf man davon ausgehen, dass es auch in Bamberg, also in Prags Partnerstadt, an „Beyfall“ und an (mindestens) „dreymaligem Jubel“ nicht fehlen wird. Das haben beispielsweise die SOB-Aufführungen von Mozarts Hochzeit des Figaro vor zwei Jahren eindringlich gezeigt.

Nach Le Nozze di Figaro und vor Così fan tutte ist auch Don Giovanni aus der Zusammenarbeit mit Lorenzo da Ponte entstanden. Die „Melodien, die ein Engel erdacht zu haben scheint“ und die „von himmlischen Harmonien begleitet“ werden, fanden beim Publikum und in der Presse viel Beifall. Über Da Pontes Libretto hingegen rümpfte man schon mal die Nase. Der Inhalt gefalle „nur durch die burlesken Späße des Leporello […] und durch den steinernen Comthur zu Pferde“. Der Stoff, das Don-Juan-Thema, geht zurück auf des Madrilenen Tirso de Molinas Spötter von Sevilla und der steinerne Gast (1630). Seither hat der Don-Juan-Mythos in der Literatur, auf der Bühne (nicht nur der der Oper), im Film etliche Wandlungen erfahren.

Erinnert sei hier nur daran, dass es den Warner Brothers 1926, also ein Jahr vor ihrem „The Jazz Singer“, der gemeinhin als erster Musikfilm mit gesprochenen Dialogen geführt wird, gelang, das Zeitalter des Tonfilms anzustoßen. Die sogenannte Vitaphone-Technik erlaubte es, einen mechanischen Plattenspieler mit einem Kinoprojektor in Einklang zu bringen. So wurden Klangeffekte möglich, und hinzu kam ein vom New York Philharmonic eingespielter Soundtrack. Don Juan hieß das Ergebnis, das Kind, das freilich ganz ohne Mozarts Musik auskommt. Der Film aber war ein großer Erfolg, was auch am Protagonisten John Barymore lag. Er muss ein Frauenheld wie aus dem Bilderbuch gewesen sein. Angeblich ist der von den Warner Brothers produzierte Don Juan das Werk mit den meisten Küssen in der Geschichte des Films. Hunderteinundneunzig Frauen sind es, denen Barymore, zumindest ihren Händen, seine Lippen schenken darf. Spätere Beispiele von Verfilmungen des Don-Giovanni-Stoffes stammen etwa von Carlos Saura (Io, Don Giovanni, von 2009), von Jim Jarmusch (Broken Flowers, 2005) und von Alexander Payne. Dieser war vor knapp einer Dekade mit der Playboy-Komödie Sideways erfolgreich.

Ende des cineastischen Exkurses, und kurz noch einmal zurück zu Mozarts Oper. Bei deren Prager Premiere im Herbst 1787 soll ein anderer Verführer vor dem Herrn zugegen gewesen sein: Giacomo Casanova. Auf alle Fälle ist belegt, dass Casanova um den 25. Oktober herum nach Prag kam, um mit einem Verleger zu verhandeln.

„Alles freuet sich auf die vortreffliche Komposizion des großen Meisters Mozart“, heißt es in der Prager Oberpostamtszeitung vom 30. Oktober. Die Meldung war wohl versehentlich liegen geblieben, denn sie hätte bereits am Tag zuvor, dem der Uraufführung, erscheinen sollen. Wie auch immer. Sie schließt: „Nächstens mehr hievon.“ Und genau so möge es auch mit diesem Mozart-Blog sein, der vornehmlich, aber eben nicht nur, dem Don Giovanni gelten soll, jener Oper also, die am 4. Oktober und, in anderer Besetzung, am 6. Oktober, im Bamberger E.T.A.-Hoffmann-Theater Premiere haben wird. Hesse galt sie, wie der große Mozart-Forscher Erich Valentin wusste, als „das letzte, vom Menschen gemachte Vollkommene“. Auf baldiges Wiederlesen!

Nebenbemerkungen:
1) Auf knapp 140 Seiten bietet in der Reihe „Opernführer kompakt“ der von Clemens Prokop verfasste Band zu Don Giovanni einen sehr guten, lebendig geschriebenen ersten Überblick. Erschienen ist er 2012 in Kassel, bei Bärenreiter.

2) Das Zitat zu Hesse und Mozart ist entnommen dem schönen, nur noch antiquarisch erhältlichen Band von Erich Valentin, Die goldene Spur. Mozart in der Dichtung Hermann Hesses. München: A1, 1998. Das Vorwort hat Thomas Kakuska geschrieben, der von 1981 an in der Nachfolge Hatto Beyerles bis zu seinem Tod vor fast genau acht Jahren Bratschist des Alban Berg Quartetts war. Auch dazu, zu Hesses Verhältnis zu Mozart, demnächst mehr.

3) Zwei Wochen nach der Uraufführung schrieb der „Verehrer und Freund“ (und Rektor des Prager Generalseminars) Bischof Joseph Hurálek folgende Verse in Mozarts Stammbuch:

Wenn Orpheus Zauberlaute klingt
Amphion in die Leyer singt
Dann wird der Löwe zahm, die Flüsse stehn
Der Tyger lauscht, die Felsen gehn.

Wenn Mozarts Meisterspiel ertönt,
Wenn ungetheilter Ruhm ihn krönt,
Dann ist das Musenchor,
Dann ist Apoll ganz Ohr.