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13.10.201316:52

Mozart, zweidreizehn?

Foto: Gerhard Schlötzer

Von Jürgen Gräßer

Es soll ja Leute geben, und das macht sie (mir jedenfalls) durchaus sehr sympathisch, die die ersten Takte der doch irgendwie ungemein schönen und im Jahr nach der Uraufführung des Don Giovanni, also im Hochsommer 1788 fertiggestellten Köchelverzeichnisnummer 550 nicht wie die so ubiquitären wie sprichwörtlichen Spatzen von den Dächern pfeifen können, noch wollen. Nein, sagte, sagen wir, C. vor wenigen Abenden erst, also dieser Mozart sei ihr so gar nicht lieb, diese dreimal im Alla-breve-Takt und molto allegro wiederholte, fallende, kleine Achtel-Viertel-Sekunde, die hinführt zu und ergo kulminiert in einer aufsteigenden (anders als in der »Love Story«, denn dort, wie ziemlich zu Beginn von Bruckners Vierter, der »Romantischen«, im Hornsolo, fällt sie) kleinen Sexte. Dann doch eher Camille Saint-Saëns, der sich, nota bene, als Pianist wie Dirigent für das Œuvre Mozarts starkgemacht hatte, und zwar nicht etwa dessen (ausgerechnet in Weimar) 1877 uraufgeführte Oper ›Samson et Dalila‹, noch die Cavatine für Posaune und Klavier, sondern das Opus 6, die – presto ma non troppo – Tarantella für Flöte, Klarinette und Klavier, wie man sie unlängst zum Auftakt der Kammermusikreihe der Bamberger Symphoniker im Joseph-Keilberth-Saal habe hören, und bei der sie, C., kaum mehr habe stillsitzen können.

In der Tat ist ja, und da liegt in ihrer Nichtliebe C. so falsch nicht, ihn, Wolfgang Amadeus Mozart, zu loben, ein Klischee, wie Gernot Gruber bereits vor bald drei Dekaden anmerkte (Gruber, Mozart und die Nachwelt. Salzburg: Residenz, 1985:291). Der gebürtige Berner Gottfried von Einem etwa, einer der großen Nachkriegskomponisten und in leitender Funktion bei den Salzburger Festspielen tätig, bis ihn Karajan vertrieb, schrieb, fünfundvierzigjährig, im September 1963 aus Wien an seine um 27 Jahre jüngere geliebte Nichte Andrea, Mozart sei »von allerdings schon fast unmenschlicher Größe« gewesen (nachzulesen in dem soeben bei Paul Zsolnay herausgekommenen Briefwechsel, der, so der Waschzettel, »Geschichte einer rätselhaften Zuneigung in Briefen«), so unmenschlich, dass Hans Werner Henze schon drei Jahre zuvor von einem »herabgestiegenen Gott» sprechen konnte.

Was Wunder also, dass die Musik Mozarts hineinwirkt bis in zeitgenössische Kompositionen. Maurizio Kagel war sie eine »Geheimquelle«, und auch Henze, statt mit der Vergangenheit zu brechen, bezog sie in sein Schaffen ein: Die Oper ›Der junge Lord‹ – das Libretto stammt von Ingeborg Bachmann – ist ohne Mozart nicht zu denken, und noch in Henzes Spätwerk ›L’Upupa und der Triumph der Sohnesliebe‹, vor einem Jahrzehnt in Salzburg uraufgeführt, finden sich eindeutige Verweise auf die Zauberflöte.

Und ›Don Giovanni‹? Den, neben ›Così fan tutte‹, paraphrasiert 1951 Igor Strawinsky in ›The Rake’s Progress‹, jener Geschichte um den Wüstling Tom Rakewell, der, kaum dass er zu Geld gekommen, die Geliebte ad acta legt und sein Vermögen, wie Clemens Prokop es vierfach alliterierend nennt, ›vertrinkt, verspielt, verhurt‹. Einer, der sich gewaltig einen hinter die Binsen kippt, ist auch Ernst Theodor AMADEUS Hoffmann, in des Kölners Jacques Offenbach 1881 postum uraufgeführter Opéra fantastique ›Les Contes d’Hoffman‹. Auch diese, Hoffmanns, Erzählungen sind ohne das Vorbild Mozart und insbesondere Don Giovanni undenkbar.

Kompositionen, die sich vor Mozart verneigen, gibt es zuhauf, so von Cesar Bresgen, von Helmut Eder (bei dem der Memmelsdorfer Horst Lohse studierte), von Gerhard Wimberger, von dem Norweger Trygve Madsen, um dessen Schaffen sich auf der Silberscheibe und im Konzertsaal Christoph Eß verdient macht, der Solohornist der Bamberger Symphoniker und einer der Dozenten der Sommer Oper Bamberg. Madsens im November 2010 vollendetes Quintett für Horn, Violine, zwei Violen und Violoncello op. 145 heißt, nach Mozart, ›Ein musikalischer Spaß‹. Es war Mozart selbst, der seinem Divertimento für zwei Hörner und Streicher KV 522 diesen Beinamen gab. Geschrieben hat er es im Juni 1787, mithin in der Entstehungszeit des ›Don Giovanni‹. Einer der Ohrwürmer aus dieser »Oper aller Opern« ist ›Là ci darem la mano‹. Darüber schrieb Frédéric Chopin Variationen für Klavier und Orchester und begründete damit, als er sein Opus 2 1829 im Wiener Kärtnertortheater aufführte, seine Karriere, vom Publikum umjubelt, vom Verleger, Tobias Haslinger, gedruckt, bald von Robert Schumann in der Allgemeinen musikalischen Zeitung enthusiastisch besprochen.

Und Mozart zweidreizehn? Der war am Freitagabend im Internationalen Künstlerhaus Villa Concordia zu erleben. Beim Kammerkonzert der Sommer Oper Bamberg kam dort das Auftragswerk ›Nachtmusik – Fantasie 1787‹ zur Uraufführung. Somit kehrte ein alter Bekannter in die Concordia zurück, der 1981 in Teheran geborene Arash Safaian, ein Schüler Hans-Jürgen von Boses, Jan Müller-Wielands und Enjott Schneiders, ehemaliger Stipendiat des Künstlerhauses. Safaian hat auch, nämlich in Nürnberg bei Peter Angermann, Malerei studiert, und so sei abschließend noch ein Minimalexkurs gestattet.

Strawinskys ›The Rake’s Progress‹ verdankt sich einem Museumsbesuch, bei welchem der Komponist den Gemälde-Zyklus ›A Rake’s Progress‹ von William Hogarth sah. Mozart in die bildende Kunst des 20. Jahrhunderts hineingeholt hat unter anderen Max Slevogt, der den mit ihm befreundeten portugiesischen Bariton und Don-Giovanni-Darsteller Francisco d’Andrade mehrfach portraitierte, etwa 1903 und 1912. Da ist aber auch Keith Harings Mozart-Kopf in Mischtechnik von 1985, da ist, noch aktueller, Reinhard Bernsteiners Aluminium, Digiprint, Kunststoff, Eisen und Video kombinierende Arbeit ›da ponte oder von der minderwertigkeit der absoluten staatszähne‹ (2005/2006), da ist ›Reich mit die Hand mein Leben‹, Kreide und Collage, 2006, von Günter Brus, da ist, nicht zuletzt, und gleichfalls im Mozartjahr 2006 entstanden, die ›Flirtmaschine Don Juan‹ der beiden Künstler Julius Deutschbauer und Gerhard Spring. Zu diesem »Librettomaten« heißt es im großartigen Katalogbuch Mozart. Experiment Aufklärung im Wien des ausgehenden 18. Jahrhunderts (erschienen in Ostfildern bei Hatje Cantz und, immer wieder einmal, zu haben beim Bamberger Antiquariat Lorang): »Aus der Flirtmaschine, die ebenso wenig des Flirtens müde oder mit dem Flirten fertig wird, tritt die zweideutige, angedeutete Antizipation des Erotischen zutage: sieghaft, triumphierend, unwiderstehlich, schmachtend sich unterwerfend, aber auch nicht ganz ohne komische Anlage. Die erotischen Anbandelungen in Form von Fragen sowie die Requisiten, die zum Werkzeug eines jeden Verführers gehören, sind sämtlich aus dem Libretto von Mozarts Don Giovanni abgezwirnt.«

So, und jetzt, vielleicht wohlverdient, eine Tasse schwarzen Tees, Schokolade – 73 Prozent Kakao, aus Ecuador – und als (Schokoladen-)Tafelmusik dazu: KV 550. Zumindest den ersten Satz.

Von Jürgen Gräßer