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30.09.201321:43

Amadeus-Variationen oder: What’s in a name?

Mozarts Unterschrift

Von Jürgen Gräßer

An »hitzigem Friesel Fieber« ist, am sehr frühen Morgen des 5. Dezember 1791, gegen ein Uhr, in Wien der Komponist des ›Don Giovanni‹ gestorben. Bereits im Folgejahr bat Friedrich Schlichtegroll, der von 1807 an Direktor der Münchner Hofbibliothek war, Mozarts Schwester Nannerl, einen Fragebogen auszufüllen. Die »Data zur Biographie des Verstorbenen Tonn-Künstlers Wolfgang Mozart« enthalten wertvolle Informationen zu Mozart aus der Erinnerung einer Augenzeugin. Unter Punkt 1 hält Nannerl über ihren Bruder fest: »Johannes Chrisostomus Wolfgang Gottlieb Mozart ist den 27. Januar 1756 in Salzburg gebohren.«

Im Taufbuch des Salzburger Domes lautet die Namensgebung Joannes Chrysostomus Wolfgangus Theophilus. Schon in Mozarts erstem Lebensjahr machte Vater Leopold aus dem griechischen Theophil den deutschen Gottlieb. Und als sich die Mozarts 1770 auf Italienreise machten, wurde der Wunderknabe als Amadeo Wolfango [sic] angekündigt. Er selbst nannte sich Wolfgango Amadeo und wechselte 1777 in Paris zu Amadé.

Obgleich er den Taufnamen Amadeus, also die lateinische Entsprechung zu Gottlieb, nie erhalten hatte, führt ihn das Sterberegister des Wiener Stephansdoms, dem auch die eingangs genannte Todesursache entnommen ist, als Wolfgang Amadeus an. Amadeus aber war der Taufname von Wolfgangs 1752 verstorbenem Bruder Joannes Carolus Amadeus. Chrysostomos, das griechische Wort für »Goldmund«, findet sich lediglich noch abgekürzt in einem Brief vom 2. Juli 1783, den Mozart aus Wien an seinen Vater in Salzburg richtet und »W. A: C: Mozart« zeichnet.

In einem Brief vom 5. Dezember 1780 aus München, wiederum an »Mon trés cher Pére« in Salzburg gerichtet, verabschiedet sich der »gehorsamste sohn« als »Wolfg. Amadè Mozart« und fügt – der Mann hatte Humor – als P.S. an: »nicht vergessen wegen meinen / schwarzen kleid – ich muß es / haben, sonst werde ich aus- / gelacht – und das wird / man doch nicht gern –«.

Apropos Witz und Humor: Damit war Mozart wirklich reich ausgestattet. An seinen Freund, den Schulmeister Anton Stoll aus Baden bei Wien, für den er das ›Ave verum corpus‹ KV 618 komponiert hatte, schickte er 1791, wenige Monate vor seinem Tod, ein Schreiben in verstellter Handschrift. Er verbleibt, an den »besten Herr v Schroll!«, mit den Abschiedsworten »Ihr / ächter freund / franz Süssmayer / Scheisdreck« und setzt noch den genauen Ort und das Datum hinzu: »Scheishäusel den 12 Juli«. Mozart gibt sich mithin als Franz Xaver Süßmayer aus, seinen Schüler, der das Requiem KV 626 vollenden sollte.

Ein Wort noch zu »Chrysostomos«. Nach dem so geheißenen byzantinischen Kirchenvater erhielt Mozart diesen Vornamen. Beim »Goldmund« darf man naturgemäß gern auch an Hermann Hesse denken, an dessen 1930 bei S. Fischer (der Verlag hatte damals seinen Sitz noch in Berlin) herausgekommene Erzählung ›Narziß und Goldmund‹. Anders als im ›Steppenwolf‹ von 1927 geht es im ›Goldmund‹ nicht um Mozart. Das ist gar nicht möglich, denn die Geschichte spielt ja im Mittelalter. Hesse aber, siehe ›Steppenwolf‹ und anderes, war ein großer Liebhaber von Mozarts Musik. In einem Tagebuchblatt bemerkte er: »Mozart. Das bedeutet: die Welt hat einen Sinn, und er ist uns erspürbar im Gleichnis der Musik.«

Nebenbei sei noch gesagt, dass unter dem Pseudonym »Chrysostomos« in einer Kolumne der Bamberger Onlinezeitung seit Anfang des Jahres ein Bewohner der Domstadt Gedichte vorstellt, auch solche von und über Mozart (und immer wieder einmal verbunden mit Hinweisen zur Sommer Oper Bamberg). Jener Chrysostomos dachte freilich, als er sich dieses Pseudonym zulegte, weniger an Mozart als vielmehr an den ›Ulysses‹ (1922) von James Joyce.

Im ›Telemachus‹-Kapitel, das den Jahrhundertroman eröffnet, beschwört Buck Mulligan gleich zu Beginn im Tonfall eines Priesters langsame Musik herauf: »Slow music, please. Shut your eyes, gents. One moment.« Leitmotivisch durchziehen die Farben Weiß und Gold das Kapitel, die Mulligan zugeordnet sind, dem Mann mit den weißen Zähnen, auf denen hie und da Goldkronen blitzen: »He peered sideways up and gave a long slow whistle of call, then paused awhile in rapt attention, his even white teeth glistening here and there with gold points. Chrysostomos.« Goldmund eben.

Gold ist – neben Bronze – auch die Farbe des elften, des ›Sirenen‹-Kapitels, in welchem Joyce, der auch ein wettbewerbserprobter Tenor war, den Versuch unternimmt, die Form der fuga per canonem in die Literatur zu transponieren. Der ›Ulysses‹ ist trunken von musikalischen Allusionen, gerade auch von (offenen oder versteckten) Hinweisen auf Opern, beispielsweise von Wagner, von Meyerbeer, von von Flotow (›Martha‹, 1847). Und tatsächlich wird im ›Sirenen‹-Kapitel von Bob Cowley auf einem Barpiano auch Mozart angestimmt: »Minuet of Don Giovanni he's playing now. Court dresses of all descriptions in castle chambers dancing. Misery. Peasants outside. Green starving faces eating dockleaves. Nice that is.« Außerdem hebt Leopold Bloom, der Protagonist, im fünften Kapitel eine der bekanntesten Nummern aus dem ›Don Giovanni‹ zu singen an: »He hummed: Là ci darem la mano / La la lala la la« heißt es dort, mittig und kursiv gesetzt, nachzulesen auf Seite 63 der von dem Münchner Anglisten Hans Walter Gabler 1986 für The Bodley Head und für Penguin Books edierten Ausgabe.

Abschließend seien noch zwei der eminentesten deutschsprachigen Joyce-Kenner genannt. Wolfgang Hildesheimer, dessen »Mozart«-Biographie 1977 die Persönlichkeit Mozarts »ins Gespräch, wenn nicht gar ins Gerede« (Gernot Gruber) brachte, zum einen, zum anderen Hans Wollschläger. Die zwei Jahre vor Hildesheimers »Mozart« erschienene Übertragung des ›Ulysses‹ aus Wollschlägers Hand ist bis heute unübertroffen, ein Meisterwerk der Übersetzungskunst. Man darf vermuten, dass der Bamberger Wollschläger, lebte er noch (er teilt sich mit Fischer-Dieskau, der zur Eröffnung der Deutschen Oper 1961 an der Seite von Pilar Lorengar, der Donna Anna, einen düsteren Don Giovanni gab, und mit Gustav Mahler den Todestag), gewiss auch den ›Don Giovanni‹ der Sommer Oper Bamberg besucht hätte.

Gleiches würde – ganz ohne Zweifel – für Wolfgang Hildesheimer gelten. Nur ist auch er – im Dezember 1916 in Hamburg geboren, verstorben, einsamer nie als im August, 1991, in Poschiavo (Graubünden) – lange schon nicht mehr unter uns. Im Dezember 1983 hingegen logierte Hildesheimer unweit des E.T.A.-Hoffmann-Theaters, im Romantik-Hotel Weinhaus Messerschmitt. Als Dankeschön für die gute Kost und Bleibe überreichte Hildesheimer »Herrn Otto Pschorn«, dem Inhaber des Messerschmitt, seine fiktive Künstlerbiographie ›Marbot‹ (1981), und zeichnete: »Wolfgang« – ohne Amadeus – »Hildesheimer«.