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Sommer Oper Bamberg 2017 abgesagt

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16.12.201401:19

»Das klinget so herrlich, das klinget so schön! Tralla lala la Trallalala!«

Mozärtliche Geschenkideen zum Weihnachtsfest

von Henriette Berger

Womit nur anfangen, wie nur beginnen, was auswählen aus der Fülle an Mozartiana, an Publikationen zu dem im Jänner 1756 in Salzburg geborenen musikalischen Tausendsassa, an aktuellen Einspielungen und Aufführungen, Inszenierungen seiner Werke und mit welchen Worten diese vorstellen? Noch dazu in einigermaßen gebotener Eile, da Weihnachten naht.
 
Wir sind ja nicht Mozart, teilen uns mit diesem lediglich das Sternzeichen und die Liebe zur Musik, bisweilen auch die zum Leben, und wollen es auch nicht sein, oder so vermessen sein, uns mit Mozart messen zu wollen. Mozart nämlich, dessen letztes Singspiel, ›Die Zauberflöte‹, am 20. Juli innerhalb der sechsten Auflage der Sommer Oper Bamberg im Großen Haus des E.T.A.-Hoffmann-Theaters zur Premiere kommen wird, Wolfgang Amadeus Mozart also (von dem Hoffmann sich seinen dritten Vornamen zu borgen erlaubte) hat am 30. Dezember 1780, als er über dem dritten Akt des ›Idomeneo‹ steckt, in einem Brief an den Vater festgehalten: »Nun muss ich schliessen, den ich muß hals über kopf schreiben – komponirt ist schon alles – aber geschrieben noch nicht.«
 
Biographisches ...
Dieses Zitat findet sich nicht nur im dritten Band (von sieben) der Briefe und Aufzeichnungen Mozarts, die die Internationale Stiftung Mozarteum zwischen 1962 und 2005 herausgegeben und die Wilhelm A. Bauer sowie Otto Erich Deutsch gesammelt haben. Es findet sich zudem auf Seite 443 (also in den Anmerkungen; aber gerade die lohnen der genauen Lektüre, weil sie bei aller wissenschaftlichen Genauigkeit von Langeweile so gar nichts haben und einen enormen Erkenntnisgewinn in sich bergen) der jüngsten Veröffentlichung der immens fleißigen und ganz wunderbar schreibenden Münchner Autorin Eva Gesine Baur. Baurs ›Mozart. Genius und Eros. Eine Biographie‹ (München: C.H. Beck, 2014) eben soll unsere erste Empfehlung gelten. Greifen Sie zu, blättern Sie in dieser wirklich fabelhaften Lebensbeschreibung. Lesen Sie darin, lesen Sie sich fest – lang dürfte es kaum dauern, bis es soweit ist – und hören Sie nach der Lektüre Musik. Beispielsweise Mozarts Zauberflöte und dessen Requiem, beides unübertroffene Meisterwerke, denen die finalen zweieinhalb Dutzend Seiten dieser feinen Monographie gelten, den Anhang einmal ausgenommen.
 
Zugedacht hat Baur ihr Buch im Übrigen Jörg Widmann, dem »großen Mozart-Klarinettisten und Komponisten‹, welchen sie hier zitiert: »Mozart bewundere ich auch als Meister der falschen Fährten.« Auf so manche dieser falschen Fährten hat sich die Mozart-Forschung locken lassen. Die akribisch arbeitende Baur schickt die Leser, zumal in den Anmerkungen (die, wie gesagt, zu lesen wirklich eine Freude ist), auf die richtige Spur, sorgt für Erhellung, regt an, macht fundierte Vorschläge. Sie tut das bisweilen bereits in den knappen Texten zu den Portraits, den Illustrationen, die den insgesamt 22 Kapiteln vorausgehen. Baur stellt richtig, Baur korrigiert, behutsam und mit Bedacht.

Literarisches ...
Ach ja, (Die) ›Korrekturen‹, kommt uns da gerade in den Sinn, wollen wir dann auch noch empfehlen, jenen Roman, der Jonathan Franzen hierzulande bekannt gemacht hat. ›Die Korrekturen‹ (2001; aus dem amerikanischen Englisch von Bettina Abarbanell, bei Rowohlt, 2002) kreisen um eine Familie aus dem Mittleren Westen der Vereinigten Staaten – wo auch Till Fabian Weser, der Dirigent, Initiator und künstlerische Leiter der Sommer Oper Bamberg, geboren wurde – und um »Ein letztes Weihnachten« im Kreise eben dieser Familie, Lambert geheißen.
 
Franzen wird als einer der vordersten US-amerikanischen Romanciers gehandelt, ähnlich Richard Powers. Stammt Franzen aus Western Springs nahe Chicago, so ist Powers zwei Sommer vor ihm, im Juni 1957, in Evanston in der unmittelbaren Nähe von Chicago geboren. Powers‘ Romane handeln häufig von Musik, etwa ›The Time of Our Singing‹ (2003; Orff, Schubert, Monteverdi, unter anderen) und sein bislang letzter, ›Orfeo‹ (2014, im Original und in der deutschen Übertragung durch Manfred Allié, in Frankfurt am Main, bei S. Fischer). In ›Orfeo‹ geht es, wieder und wieder, um die Kindertotenlieder, um das Quatuor pour la fin du temps, Fidelio, Die lustige Witwe, um das Dem Andenken eines Engels gewidmete Violinkonzert, um Schostakowitsch, John Cage, Henry Cowell, Steve Reich. Außerdem um die Kinderszenen von 1838 und um Ligetis Requiem von 1963/64, für die Sopranistin und Dirigentin Barbara Hannigan »eines der größten Werke des 20. Jahrhunderts«, ja »eines der bedeutendsten Requien aller Zeiten«.
 
Musikalisches ...
Sie hat es 2011 gemeinsam mit der Mezzosopranistin Susan Parry, dem WDR-Rundfunkchor Köln, dem SWR-Vokalensemble Stuttgart sowie dem WDR-Sinfonieorchester Köln unter Peter Eötvös aufgenommen. Erschienen ist die CD ein Jahr danach bei Budapest Music; sie brachte den Ausführenden eine Nominierung für den Grammy Award ein. Powers‘ Roman dreht sich gleichermaßen um Stockhausen, Lennon und McCartney, obendrein um die ›Jupiter‹-Sinfonie KV 551, um nur einige Werke und Komponisten anzuführen. Womöglich auch um ›Die Zauberflöte‹ – und noch sind wir über die Seite 91 der englischen Taschenbuchausgabe (bei Collibri in der Bamberger Austraße – und gewiß auch andernorts – erstaunlich preisgünstig zu haben) nicht wirklich hinausgekommen; eine kursorische Lektüre brachte immerhin eine Anspielung auf Mozarts letzte Oper ans Licht, über die Figur der Papagena: Seite 127.
 
Nicht als Papagena, sehr wohl aber als Donna Anna ist Barbara Hannigan übrigens in diesen Dezembertagen am Brüsseler Opernhaus La Monnaie zu erleben, auch am Silvesterabend. Viele Blog-Leser werden sich gewiß an Valda Wilson und Julia Makarevich erinnern, die bei der Sommer Oper 2013, als ›Don Giovanni‹ auf dem Spielplan stand, alternierend die Donna Anna gaben – zur Freude der Presse wie des Publikums.
 
Mozart auf weihnachtlichen Bühnen
Wer nun doch ›Die Zauberflöte‹ erleben, vielleicht auch Karten verschenken möchte, kann am Mittwoch, den 17. und am Samstag, den 20. Dezember die Bayerische Staatsoper besuchen. An dem Münchner Haus, dies sei en passant noch vermerkt, trumpfte vor wenigen Monaten Hannigan auf als Marie in Bernd Alois Zimmermanns ›Die Soldaten‹ – laut Eleonore Bünning von der FAZ die »mit Abstand beste Opernproduktion der Saison« – und überstrahlte, so wie derzeit in Brüssel, alle. Unter der Leitung von Dan Ettinger singen am Nationaltheater unter anderen Christian Gerhaher (Papageno), Ana Durlowski (Königin der Nacht), Hanna-Elisabeth Müller (Pamina) und Charles Castronovo, der den Tamino verkörpert. Die Inszenierung, nicht mehr ganz frisch, aber bewährt, stammt von August Everding.
 
Als Alternative bietet sich eine Reise an die Limmat und die Sihl an. Am Zürcher Opernhaus hatte ›Die Zauberflöte‹ am 7. Dezember Premiere. Die moderne Inszenierung Tatjana Gürbacas mag nicht jedermanns Geschmack sein. Der (von mir) verehrte Peter Hagmann aber verteidigt in der Neuen Zürcher Zeitung vom 9. Dezember Gürbacas leichte Modifizierung der Vorlage von Emanuel Schikaneder. – Auch über den gebürtigen Straubinger hat Eva Gesine Baur eine Biographie vorgelegt: ›Der Mann für Mozart‹, C.H. Beck, 2012. – Vor allem aber spricht Hagmann der Zürcher Zauberflöte »schlechterdings sensationelle musikalische Qualitäten« zu. Für die sorgt, neben dem Solistenensemble, vor allem Cornelius Meister, der das im Geist der historisch informierten Aufführungspraxis musizierende Orchestra La Scintilla durch Mozarts Zauberpartitur führt. Meister, Hannoveraner des Jahrgangs 1980, machte auch schon am Pult der Bamberger Symphoniker einige Furore.
 
Orchester- und Kammermusik ...
So kommen wir denn über Meister, der seit September 2010 Chefdirigent des Rundfunksinfonieorchesters Wien ist und im Mai sein Debüt an der Mailänder Scala feiern kann, retour an die Regnitz. Und – variatio delectat – zur Instrumentalmusik. Gern gemacht wird die Sinfonia concertante Es-Dur für Violine, Viola und Orchester, KV 364. Sie steht zum Beispiel am 26. Juni beim Würzburger Mozartfest im Kaisersaal der Residenz auf dem Programm; Frank Peter Zimmermann und Antoine Tamestit werden gemeinsam mit dem Kammerorchester des BR-Symphonieorchesters musizieren. So populär ist KV 364, daß die Sinfonia concertante auch in Filmen immer wieder zitiert wird, so in Miloš Formans ›Amadeus‹ (1984), in Nuri Bilge Ceylans in Cannes und auf anderen Festivals vielfach ausgezeichneten Meisterwerk ›Uzak‹ (2002), sodann von Michael Nyman, der in seinem Soundtrack zu ›Drowning by Numbers‹ auf das Andante zurückgreift. Auch in William Styrons so grandiosen wie wichtigen Roman ›Sophie’s Choice‹ (1979; drei Jahre später kam die Verfilmung von Alan J. Pakula mit der hinreißend poetisch spielenden Meryl Streep in die US-amerikanischen, vier Jahre hernach in die deutschen Kinos) kommt KV 364 vor. Mozarts Musik ruft, darin der Madeleine in Prousts ›À la recherche du temps perdu‹ ähnlich, bei der Protagonistin Erinnerungen an ihre Krakauer Kindheit wach.
 
Diese Sinfonia concertante nun hat 2006 zusammen mit Frank Peter Zimmermann und den Bamberger Symphonikern deren damaliger Solo-Bratscher aufgeführt, Máté Szűcs. Von Bamberg wechselte der Ungar in dieser Position zur Sächsischen Staatskapelle, dann zum Sinfonieorchester des Hessischen Rundfunks, vom Main an die Weser, zur glänzenden Deutschen Kammerphilharmonie Bremen. Seit Ende August 2011 führt Máté Szűcs die Bratschen der Berliner Philharmoniker an. Vor wenigen Wochen hat er beim Label Profil in Kooperation mit Deutschlandradio Kultur die CD ›The Hungarian Viola‹ vorgelegt.
 
Mit Antal Dorátis wehmütig-ergreifenden Adagio, ein Jahr vor dem Ableben des großen Dirigenten (er starb in November 1988 in der Schweiz) zum Sechzigsten seiner Frau, der Pianistin Ilse von Alpenheim, geschrieben, erinnert Szűcs daran, daß Doráti eben auch ein ungemein kreativer, obgleich vernachlässigter Komponist war. Ferenc Farkas darf natürlich nicht fehlen, auch László Weiner, ein Schüler Zoltán Kodálys, ist auf der Silberscheibe vertreten. Den Juden Weiner verschleppten die ungarischen Faschisten in ein Arbeitslager, wo er – Kodálys Versuche, ihn daraus zu befreien oder zumindest seine Lebensumstände dort zu verbessern, fruchteten nicht – 1944 zu Tode kam.
 
Weiners Sonate für Viola und Klavier, mutmaßlich 1939 komponiert, lässt in jedem ihrer drei Sätze erahnen, welch große Begabung da der Welt zu früh abhandenkommen mußte. Am Flügel begleitet wird Máté Szűcs von Oliver Triendl. Auch wenn sich auf der CD naturgemäß kein Werk Mozarts findet: das Gesangliche, die kantablen Linien, für die Mozart ja auch steht, ist immer wieder gegenwärtig, wunderbar umgesetzt von Triendl und Szűcs, etwa im Arioso von Farkas oder in der Aria aus der Sonate für Viola und Klavier von József Soproni. Mit dem Mohr Monostatos und den drei Sklaven, mit Mozarts Zauberflöte eben, lässt sich zusammenfassend sagen, oder singen: »Das klinget so herrlich, das klinget so schön!«
 
Mozart für Kinder ...
Damit nun auch die Kinder noch glücklich werden, sei abschließend an ›Prinz Tamino‹ erinnert. Zu dem Märchen nach Mozarts Zauberflöte taten sich anno 2000 der Maler und Zeichner, der Berliner, der dem Satiremagazin Titanic, Axel Hacke und dem französischen Spielfilm ›Die fabelhafte Welt der Amélie‹ verbundene Michael Sowa sowie der gebürtige Amberger und Musikkenner Eckhard Henscheid zusammen. Sowas bezaubernde Bilder und Henscheids Textfassung sind ein Vergnügen. Auch für die Älteren, auch für die Eltern. Zumindest antiquarisch ist der in Berlin bei Aufbau erschienene Band noch zu haben, in unterschiedlichen Ausgaben. Mit etwas Glück erwischt man eine, der drei zusätzliche Papierbögen beigegeben sind. Aus vorgestanzten Figuren können sich die Kleinen (wie, why not, die Großen) ihre eigene Zauberflöteninszenierung schaffen. Die Bühnenbilder und Kostüme für die Aufführung in der Oper Frankfurt hingegen, in deren Folge ›Prinz Tamino‹ entstand – Premiere war anfangs Oktober 1998, Alfred Kirchner führte Regie – schuf Michael Sowa. Zusammen mit Vincent Callara.

HENRIETTE BERGER
 
Die Empfehlungen in aller Kürze:

Erlesen:

  • Eva Gesine Baur, Emanuel Schikaneder. Der Mann für Mozart. München: C.H. Beck, 2012.
  • Eva Gesine Baur, Mozart. Genius und Eros. Eine Biographie. München: C.H. Beck, 2014.
  • Jonathan Franzen, Die Korrekturen. Roman. Aus dem amerikanischen Englisch von Bettina Abarbanell. Reinbek: Rowohlt, 2002.
  • Eckhard Henscheid / Michael Sowa, Prinz Tamino. Märchen und Puppentheater nach Mozarts Zauberflöte. Berlin: Aufbau, 2000.
  • Richard Powers, Der Klang der Zeit. Roman. Aus dem amerikanischen Englisch von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié. Frankfurt am Main: S. Fischer, 2004.
  • Richard Powers, Orfeo. Roman. Aus dem amerikanischen Englisch von Manfred Allié. Frankfurt am Main: S. Fischer, 2014.
  • Marcel Proust, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Aus dem Französischen von Eva Rechel-Mertens. Frankfurter Ausgabe (Broschur). Sieben Bände. Frankfurt am Main: 2004. (Bei Reclam in Stuttgart erscheint seit 2013 eine Neuübersetzung des Klassikers, die Bernd-Jürgen Fischer verantwortet. Bislang liegen die ersten drei Bände vor.)
  • William Styron. Sophies Wahl. Roman. Aus dem amerikanischen Englisch von Willy Thaler. München: Droemer Knaur, 1980.


Unerhört:

  • The Hungarian Viola. Máté Szűcs (Viola) und Oliver Triendl (Klavier). Profil PH 14022.
  • György Ligeti, Requiem und Apparitions. Barbara Hannigan, Susan Parry, WDR- Rundfunkchor Köln, SWR-Vokalensemble Stuttgart, San Francisco Polyphony, WDR-Sinfonieorchester Köln, Dirigent: Peter Eötvös, Budapest Music BUAE 2012.


Mozart, derzeit in Szene gesetzt: