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Sommer Oper Bamberg 2017 abgesagt

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05.04.201523:56

(Sommer) Oper als Zentrum der Gegenwart

Im Zentrum des kulturellen Lebens der Domstadt dürfte in diesem Juni und Juli die Sommer Oper Bamberg stehen. ›Oper als Zentrum der Gegenwart‹ hingegen ist ein wahrhaft prachtvolles Buch betitelt, das vor wenigen Wochen im Verlag Bibliothek der Provinz im niederösterreichischen Weitra erschienen ist. Herausgegeben hat es Andrea Welker, zum Thema hat es einen der bedeutendsten Opernregisseure nicht nur hierzulande, Peter Konwitschny, dessen Namen es auch im Titel trägt, sowie den Zwischentitel »Mensch, Mensch, Mensch!«.

Marlis Petersen – die schwäbische Koloratursopranistin, die von 1994 bis 1998 ein erstes Engagement an der Staatsoper Nürnberg hatte, wo sie beispielsweise die Königin der Nacht sang, und die von sich sagt, ihr Gesang sei immer geprägt vom Geiste Mozarts – hat häufig mit Peter Konwitschny zusammengearbeitet. Er sei »einer der seltenen Regisseure, der Kopf und Herz verbinden kann und den Mut hat, gegen die Konventionen zu erschaffen, was dem Publikum ermöglicht, Blickwinkel zu verändern, alte Sichtweisen zu überdenken und sich auf Neues einzulassen.« Auch rüttele er die Gemüter auf und verlocke zu Emotionen in alle Richtungen. Petersen ist, das nur nebenbei, Ende Mai, im Juni und dann wieder im September an der Bayerischen Staatsoper in der Titelpartie von Alban Bergs ›Lulu‹ zu erleben; am Pult wird Kirill Petrenko stehen, es inszeniert Dimitri Tcherniakov.

Vor etwas über einer Dekade setzte Konwitschny ›Die Zauberflöte‹ an der Staatsoper Stuttgart in Szene. Lothar Zagrosek dirigierte, den Sarastro machte Atilla Jun, Johan Weigel den Tamino und Barbara Baier die Königin der Nacht. Die Produktion lief (mindestens) bis in die Spielzeit 2012/2013 hinein, wurde als Gastspiel 2006 in Tokio gezeigt und für ihren Reichtum an Phantasie – eine sturzbetrunkene Nachtkönigin und ein Papageno, der in der Fernsehunterhaltungsbranche landet, inklusive – und ihre Horizonterweiterung gefeiert. Zagrosek über Konwitschny: »Ihm ist es immer gelungen, seine Sicht der Dinge mit der musikalischen Situation in Einklang zu bringen. Selbst entlegene Sichtweisen verlieren bei ihm ihre Fremdheit, da sie den musikalischen Anker immer bewahren.«

Der Regisseur selbst meint zu Mozarts Oper: »Ja, die Musik ist sehr schön, aber interessanterweise verbindet man mit der Erinnerung an das Stück oft auch ein Gefühl von Langeweile. […] Bei keinem Werk ist mir bisher so sehr aufgefallen, dass die musikalischen Stücke – man könnte sagen: bunt zusammengewürfelt sind. […] Es gibt Lieder, Chöre, moderne Arien, einen figurierten Choral – wie bei einer Revue, wo auch alles zugelassen wird.« Und: »Es wird uns immer bewusster, dass es ein Essay über das Leben ist und keine Liebesoper.« In Notizen zu einem 2013 in Porto gehaltenen Workshop fragte Konwitschny, ob denn »die Wiener Operngesellschaft« Mozart nicht habe »verrecken lassen« und schließt an: »Wie kann einer tot sein, der zu uns spricht? Zu uns, die wir leben?«

In einer Geburtstagsadresse zu Konwitschnys Siebzigsten in diesem Januar schreibt Ioan Holender, der ehemalige Wiener Staatsoperndirektor: »Ohne Dein Wirken wäre die Welt der Oper heute weltweit noch viel ärmer als sie leider geworden ist. […] Wir alle welche Oper lieben, lieben und verehren Dich.« Der gewichtige, von Andrea Welker vorzüglich edierte Band zu, mit und über Peter Konwitschny führt dessen Wirken in Worten (von ihm selbst, von Freunden, von Mitstreitern, Kollegen und Wegbegleitern) und auch in zahlreichen, oft großformatigen, Photographien vor Augen. Ein weiteres Mirakel aus dem großartigen Verlag Bibliothek der Provinz von Richard Pils. Bravi!

HENRIETTE BERGER

Die Publikation:
Andrea Welker (Hrsg.), Peter Konwitschny. »Mensch, Mensch, Mensch!«. Oper als Zentrum der Gegenwart. Weitra: Verlag Bibliothek der Provinz, 2015. 525 Seiten, 48 Euro. [Mehr Info beim Verlag]

Anmerkungen:

  • Bei den Salzburger Festspielen wird Peter Konwitschny Ende Juli anstelle von Luc Bondy Wolfgang Rihms ›Die Eroberung von Mexico‹ in Szene setzen.

  • »Es ist die Kunst der Fuge, sich nicht zu fügen.« (Ruth Berghaus, nachzulesen auf Seite 99)

  • »Stille ist die ultimative Art der Kommunikation.« (Leonidas Kavakos, Seite 72)