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Sommer Oper Bamberg 2017 abgesagt

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14.07.201502:22

»Ich möchte authentische Menschen auf der Bühne sehen!«

Foto: Gerhard Schlötzer

Die Opernmaschine der Sommer Oper Bamberg läuft inzwischen auf Hochtouren: Am Dienstag gibt es die ersten gemeinsamen Proben von Ensemble und Orchester, und am 20. Juli wird sich der Vorhang der Jubiläums-›Zauberflöte‹ des Jahres 2015 zum ersten Mal und vor aus­ver­kauf­tem Hause heben.

Zeit für einen kleinen Rückblick: Vom 27. bis 30. Juni 2015, zu Beginn der Arbeits- und Probenwochen, fand im Rahmen der Sommer Oper Bamberg ein Meisterkurs mit der öster­rei­chi­schen Star-Mezzosopranistin Angelika Kirchschlager statt.

Bereits zum dritten Mal – nach 2011 und 2013 – hat sie mit den Sängerinnen und Sängern an ihren Partien gefeilt, von der furiosen Solo-Arie bis zu den Ensemblenummern. Im Zuschauerraum des Bamberger E.T.A.-Hoffmann-Theaters saßen nicht nur die Ensemblemitglieder der SOB15, sondern auch zahlreiche Bamberger Musikfreunde, die den öffentlichen Meisterkurs begeistert begleiteten und nicht mit regelmäßigen Applausbekundungen geizten. Und auch nach vielen Stunden hoch­kon­zen­trier­ten Arbeitens und Unterrichtens fand Angelika Kirchschlager noch Zeit für ein kurzes Gespräch:


Frau Kammersängerin, neben der effektiven und produktiven Arbeitsweise war es für die Zuschauer besonders auffällig, wie herzlich, offen und kooperativ die Atmosphäre ist, die Sie auf der Bühne verbreiten. Ist Ihnen das wichtig?

Ja, allerdings. Ich halte gar nichts von Lehrern, die ihre Schüler nur fertigmachen und drohen, »Wenn Du's nicht so machst, wird aus Dir nie etwas werden«. Das gibt es leider viel zu oft ...

Woran liegt das?

An den Egos. Aber ich selbst bin viel zu süchtig nach dem guten Ergebnis und dem Vertrauen, das die jungen Sänger zu mir fassen. Sie geben einem dabei ihre Seele in die Hand, und das ist es auch, was ich erreichen möchte. Jeder Lehrer trägt deswegen eine große Verantwortung für seine Schüler.

Gehört für Sie das Singen genauso wie das Singen-lassen, also die Inspiration von anderen in solchen Meisterkursen, zu Ihrem künstlerischen Selbstbild?

Ja, und ich habe meine sehr eigene Vorstellung davon, was ich gerne auf der Bühne sehen möchte, und das sind nun einmal: Menschen. Menschen, die lebendig, offen und authentisch sind. Ich kann es nicht ertragen, wenn jemand nur auf der Bühne steht, um seine Stimme zu präsentieren, das ist nicht meine Welt. Es gibt viele, denen das gefällt, und das ist auch in Ordnung, aber ich möchte etwas anderes sehen und versuche, möglichst viele Botschafter dieser Anschauung in die Welt zu schicken.

Bei den letzten beiden Meisterkursen der Sommer Oper Bamberg, 2011 und 2013, haben Sie sehr viel Wert auf die Rezitative gelegt. Die gibt es bei der ›Zauberflöte‹ nun einmal nicht. Woran haben Sie diesmal gearbeitet?

Ich versuche immer, den jungen Sängerinnen und Sängern Werkzeuge in die Hand zu geben. Man kann ja nicht jede Stelle der Opernliteratur erklärt bekommen, sondern muss die grundsätzlichen Werkzeuge beherrschen, und die versuche ich auf ein Minimum zu konzentrieren und in dieser kurzen Zeit auch zu vermitteln. Es sind im Wesentlichen vier Punkte: Die Aussprache – mit den klingenden Konsonanten –, die Phrasierung, der Atem und die »Hebung«. Wenn man das alles kombiniert, wird das Ergebnis sensationell, denn dann können die Sänger alleine anfange, zu interpretieren. Das sind die »Basics«, die man lernen kann.

Geschieht das in der Gesangsausbildung nicht genug?

An den Hochschulen wird leider manchmal zu viel Wert auf die perfekte Technik gelegt. Ich fände es am sinnvollsten, wenn Leute, die Technik unterrichten, immer jemanden wie mich als »Beiwagerl«, wie man in Österreich sagt, dabei hätten. Jemanden, der immer auch auf diese »anderen« Merkmale eines guten Sängers hinweist. Ich habe dieses Experiment im vergangenen Sommer bereits mit meinem eigenen Lehrer gewagt, der ein großartiger Techniker ist: Gerhard Kahry. Wir haben gemeinsam eine Meisterklasse in Gutenstein gegeben, und werden das in diesem Jahr wiederholen, weil es so gut funktioniert hat. Wir unterrichten eine Woche lang 10 Leute, und seine Technik und mein Fokus auf Präsenz und Gestaltung ergänzen sich dabei ganz wunderbar. 

Sie leiten 2015 bereits zum dritten Mal den Meisterkurs der Sommer Oper Bamberg ...

... weil ich dieses Konzept phantastisch finde, und auch der ganze Ablauf ist sehr professionell. Die Teilnehmer sind großartig: Wir haben für jede Rolle wunderbare Besetzungen, die alle so unglaublich viel Potential mitbringen und sich sehr schnell entwickeln.

Das hat man auch heute Nachmittag gemerkt, wenn schon innerhalb von Minuten Sänger und Interpretation über sich hinausgewachsen sind ...

Nicht wahr? Ich finde es faszinierend, was passieren kann, wenn man den jungen Leuten Zuversicht entgegenbringt. Man muss auch immer loben, das bringt viel. Aber die Teilnehmer wissen auch: Wenn ich sage, »Du bist auf einem guten Weg«, dann folgt darauf immer noch ein »aber« ... [lacht]. So funktioniert das am Besten. Und wenn man dann den »Deckel« aufmacht, dann brechen die Sängerinnen und Sänger geradezu heraus mit ihren Ideen. Allein heute waren so viele wunderbare Interpretationen dabei ... Sehr unterschiedlich, aber immer absolut stimmig. Das macht unglaublich viel Spaß.

Wie ist denn ihre eigene Beziehung zur ›Zauberflöte‹?

Die ›Zauberflöte‹ war die erste Oper, mit der ich professionell Geld verdient habe [lacht], als zweite Dame an der Wiener Kammeroper. Bei der Produktion habe ich auch meinen Mann kennengelernt, der sang damals den Papageno [lacht]. Aber natürlich liebe ich vor allem die wunderbare Musik von Mozart ...

Sie sind natürlich auch selbst weltweit als gefeierte Sängerin unterwegs … auf welche Projekte des Sommers freut sich Angelika Kirchschlager denn besonders?

Ich singe eigentlich nur noch Projekte, auf die ich mich besonders freue ... Anfang Juli sind das gleich zwei Konzerte beim Jazzfest Wien – das komplette Gegenprogramm zur Oper –, eines zusammen mit Rufus Wainwright, das andere mit Thomas Quasthoff und einer ganzen Band: ein Sinatra-Tribute. Dann folgt ein Liederabend in London ... und Urlaub. Im August bin ich zum ersten Mal Teil einer Jury, in Oslo und dann in London, das ist sehr spannend. Dann kommt der erwähnte Meisterkurs in Gutenstein. Und im September beginnt wieder die normale Konzertsaison …

Ein volles Programm ... Hätten Sie denn Lust, zum Abschluss des Gesprächs ein paar Fragen des Fragebogens zu beantworten, den unsere Ensemblemitglieder im Vorfeld der Sommer Oper Bamberg ausgefüllt haben?

Sehr gerne!


Ein paar Fragen an Angelika Kirchschlager:

Wenn Sie nicht Sängerin geworden wären, wären Sie heute … Goldschmiedin, Buchbinderin oder beim Rundfunk.

Als Sie zum ersten Mal auf einer Bühne standen, … habe ich im Kinderchor von ›Carmen‹ gesungen.

Lampenfieber ist … die Konzentration, die man braucht, um eine gute Leistung abzuliefern. Wenn man kein Lampenfieber hat, sollte man eigentlich … nervös werden [lacht].

Ein Leben ohne Musik wäre … unvorstellbar.

Ihr Lieblingsklischee über Sänger/innen? Das kann es nicht geben, denn ich hasse Klischees!

Wenn Sie eine Zeitreise unternehmen könnte, wohin würden Sie reisen? Mir schwebte ja immer das Mittelalter vor, für eine kurze Zeit, aber gerne würde ich auch in die napoleonische Zeit reisen, das würde mich sehr interessieren.

Gibt es eine Lieblingsfigur aus der ›Zauberflöte‹? Meine absolute Lieblingsstelle sind die beiden Geharnischten am Schluss des zweiten Aktes. Alle anderen Figuren sind ähnlich spannend, aber die beiden haben eine Beständigkeit, sie stehen an der Pforte zur Weisheit und zur Ewigkeit, das berührt mich sehr.

In zehn Jahren möchten Sie … möglichst nur noch zuhause in Österreich arbeiten können.

Welche Tempobezeichnung entspricht am ehesten Ihrem Temperament? Vivace, ma non troppo!


Frau Kammersängerin, haben Sie vielen Dank für das Gespräch!

Das Gespräch führte Maximilian Rauscher.